Letzte Woche habe ich gemeint, dass es keine einseitige Liebe gibt. Diese Woche meine ich es auch und ich werde auch versuchen die Begründung dahinter zu erweitern. 

Die Geschichte des heimlichen Verehrers kennen womöglich alle. Jemand, der in jemanden anders ‘’verliebt’’ ist, wobei das Subjekt der Liebe keine Ahnung davon hat. Ob die Personen sich überhaupt kennen oder ob sie Freunde sind, ist nur wenig relevant. In jedem Fall ist es keine echte Liebe. Denn es ist unmöglich jemanden zu lieben, der sich nicht der Liebe geöffnet hat. Ganz einfach gesagt, ohne Zustimmung zu lieben ist überhaupt keine Liebe. Leider wissen dies nur die wenigsten, weshalb es wahrscheinlich jede halbe Stunde ein falsches Geständnis der Liebe gibt, welches eigentlich ein Geständis der Vernarrtheitkeit sein müsste. Und wer würde schon seine Vernarrtheit gestehen? 

Die einseitige Liebe ist nicht etwas was man oft diskutiert. Und doch bezweifle ich ihre Existenz. Besonders die unerwiderte Art von Liebe, bei der das Subjekt den Bewunderer verachtet. Wie liebst du jemanden, der dich nicht einmal mag? Aber hier verirren wir uns in ein anderes Gebiet. Die eigentliche Frage sollte sein, wie man behauptet in jemanden verliebt zu sein (so wie liebevolle, hingebungsvolle Partner sich lieben), den man in einem romantischen Kontext nicht kennt? 

Hier kommen meine Zweifel ins Spiel. Nein, nicht einmal Zweifel; ich weigere mich einfach zu glauben, dass es möglich ist jemanden zu lieben, den man in einem romantischen Kontext nicht kennt, geschweige denn jemanden mit dem man nicht befreundet ist. 

Die beiden Gefühle sind unvergleichlich. Jemanden zu lieben, der dich zurück liebt, mit dem du eine gleichberechtigte Beziehung hast. Jemand, der für dich sein Herz geöffnet hat und sich von dir lieben lässt, mit dem ihr gemeinsam eure Gefühle sich entwickeln lassen habt. Und dann steht der Andere am Rande und schaut sehnsüchtig jemanden an, der kaum einen Gedanken zurück verschwendet. Und vielleicht ist das ein Teil der Liebe; der Nervenkitzel der Jagd. Was auch immer es ist, niemand kann behaupten, dass die beiden Gefühle unter ein und demselben Wort gehören. Was praktisch ist, da jedes Gefühl ein Wort hat, das es perfekt beschreibt – Liebe und Vernarrtheit, wobei die Grenze zwischen Vernarrtheit und Besessenheit von Zeit zu Zeit zu verschwimmen scheint.

Wie gehen wir also Beziehungen ein? Wählen wir einfach die hübscheste Person im Raum aus und fragen, ob sie über einen langen Zeitraum in einer intimen, romantischen Umgebung gegenseitige Gefühle entwickeln möchte? Nein, natürlich nicht. Was nach Verachtung gegenüber das Wort Vernarrtheit geklungen haben könnte, war nichts dergleichen. An Vernarrtheit ist nichts auszusetzen, solange sie nicht falsch beschriftet ist. Tatsächlich ist es genau das Gefühl, das Menschen dazu bringt, Beziehungen einzugehen. Der Unterschied zwischen Liebe und Vernarrtheit besteht darin, dass Vernarrtheit zur Liebe werden kann. Liebe kann nicht ohne die Zustimmung oder Ermutigung der anderen Person existieren. Wissenschaftlich ausgedrückt ist Liebe das Produkt einer Beziehung, während eine Beziehung ein Produkt der Vernarrtheit ist. Ja, ich gebe zu, das war nicht sehr wissenschaftlich, aber seit wann wissen Wissenschaftler etwas über Liebe?

Und diese Menschen, die sich so sicher sind, dass sie verliebt sind, kennen meistens die Person nicht wirklich. Sie lassen ein verschönertes Bild ihres Charakters erstehen und verlieben sich stattdessen darin. Diese Illusionsblase platzt sobald sie tatsächlich die Person kennenlernen, die sie so leidenschaftlich zu lieben behaupten. An diesem Punkt werden zwei Menschen unter dieser falschen Liebe leiden. Die Person die enttäuscht wurde, und die Person die jemanden enttäuscht hat, indem sie es einfach gewagt hat ihr wahres Selbst zu zeigen.

Ich könnte wieder die Medien beschuldigen. Und es würde keine leere Beschuldigung sein, weil Filme und Bücher voll ‘’Liebe auf den ersten Blick’’ und große Gesten mit Blumen und Liedern sind. Einsame Zuschauer denken sich plötzlich, dass jedes hübsche Mädchen im Bus die Liebe ihres Lebens ist. Die Musik ist ebenso mit der Liebe überfüllt. Die unzähligen Liebeslieder führen zweifellos dazu, dass naive und einsame Zuhörer ihre Emotionen übertreiben, um das Gefühl zu haben, zur Musik zu passen und sich irgendwie verstanden zu fühlen. Aber die Vernarrtheit, sogar die Besessenheit, sind kein Ersatz für die echte Liebe, obwohl es sich für manche so anfühlen kann. 

Die Medien sind nicht allein zu beschuldigen. Eigentlich ist in diesem Fall niemand schuld. Es sind alle, mehr oder weniger, Opfer der Situation. 

Die Sache ist die, dass es unglaublich schwer ist jemanden zu überzeugen, dass das was er fühlt nicht das ist, was er glaubt, dass er fühlt. Also tun Sie der Welt einen Gefallen und teilen Sie Ihren Freunden und Ihrer Familie mit, dass sie möglicherweise nicht in die Person verliebt sind, die sie vor anderthalb Monaten getroffen haben.

Hana Kanter, 11b